Musiknacht 2017

Dass der Ruf des Kuckucks – die kleine Terz – so etwas wie das natürliche Ur-Intervall ist, mit dem auch Kinder ihre Mutter rufen, hat man ja durchaus schon einmal gehört. Dass aber die Kuckucke in Europa in verschiedenen Tonhöhen rufen, dürfte hingegen den meisten neu sein. Genau diese Erkenntnis hat aber den Klangkünstler Erwin Stache auf die großartige Idee gebracht, alle Kuckucke und ihre verschiedenen Tonhöhen in einer Kuckucksuhrenorgel zu vereinen – eine internationale Verbindung, die er zum Reformationsjubiläum für die Kirche von Westfalen realisiert hat: Sechs Kuckucksuhren, die jeweils mit zwei Blasebälgen und zwei Orgelpfeifen sechs verschiedene Kuckucksrufe und damit zwölf verschiedene Töne ergeben, so dass die sechs Kuckucke mit vereinten Kräften im Prinzip jede nur erdenkliche
Melodie im gekonnten Wechselspiel pfeifen können.

 

Wunschkonzert auf der Kuckucksuhrenorgel

Ein paar Stücke hat der Erfinder wie bei einem Glockenspiel computergestützt programmiert – dem Kuckucksuhrenorgel-Wunschkonzert steht also nichts mehr im Wege.
Eine tolle und wirklich sehr amüsante Sache, von der auch Kantor Hanns-Peter Springer so begeistert war, dass er die Orgel für seine „Musiknacht“ am Samstagabend ausgeliehen und im Garten hinter der Obersten Stadtkirche aufgebaut hat. Dort wurde sie dann passend zum Ambiente des wunderbar beleuchteten Gartens zum besonderen i-Tüpfelchen der an Glanzlichtern nicht gerade armen Nacht.

Hanns-Peter Springer hat offensichtlich immer mehr Freude daran, die Kräfte der verschiedenen Kantoreichöre und der Musiker, die mit der Kantorei verbunden sind, zu bündeln und zu einem sehr außergewöhnlichen, kontrastreichen und klangvollen Programm zu mischen. Es sind so viele unterschiedliche Klangfarben und Stile, die die Kirchenmusik an der Obersten Stadtkirche ausmachen, und Hanns-Peter Springer versteht es blendend, sie alle sich gegenseitig verstärkend und hervorhebend mit gleicher Wertschätzung zu präsentieren.

Poppige Klavier-Improvisationen zusammen mit seiner Frau Ute Springer am Klavier treffen da auf den großen und stimmlich höchst kultivierten Kantorei-Chor mit ernsten Sakralwerken von Schütz bis Brahms. Die wunderbaren Solo-Stimmen der aktuellen „5nach5“-Besetzung kommen ausgiebig zum Zuge und wechseln sich mit der Geigerin Johanna Lauber ab, die Iserlohn ja inzwischen wieder verlassen hat, zuvor aber ebenfalls Mitglied der Kantorei war und gerne für das Konzert aus Halle an der Saale anreiste.

Auch die Kantorin Solveig Lichtenstein war aus dem niedersächsischen Herzberg angereist, um das Konzert zu unterstützen. Die junge Kirchenmusikerin hatte vor fünf Jahren ein Praktikum bei den Springers absolviert. Nun spielte sie virtuose Werke an der Orgel und Alte Musik am Cembalo, und traf damit auf die modernen Arrangements, die der Popchor „RiSE UP!“ vortrug. Auch die Gemeinde sang mit. Aus der Kantorei formte Hanns-Peter Springer einen bis dato nicht gehörten, vierstimmigen Männerchor. Und zu den vielen Eindrücken des Abends, der am Ende bis weit nach 23 Uhr andauerte, zählten auch die liturgischen Gedanken von Pfarrer Andres-Michael Kuhn und die stimmungsvolle Illumination der Kirche und des Gartens sowie die Getränke, Snacks und Begegnungen in der großen Pause.

 

Virtuoser Ritt auf dem Hackbrett

Die Kuckucksuhrenorgel, die dort zum Einsatz kam, war ein besonderer folkloristischer Tupfer, aber nicht der Einzige. Denn mit der Zymbal-Spielerin Irina Shilina und ihrem Begleiter am Akkordeon, Alexander Hochhalter, hatte Hanns-Peter Springer noch ein sehr außergewöhnliches Schmankerl parat. Was die Virtuosin mit ihren Klöppeln an diesem urwüchsigen Hackbrett vollführte, was für einen wilden Ritt sie dort mit großen klassischen Werken und Anklängen an die Volksmusik hinlegte, war kaum zu glauben und riss das Publikum immer wieder zu spontanem Szenen-Applaus hin.

Ralf Tiemann, IKZ, 04.09.2017

 

Musiknacht – Oberste Stadtkirche
Samstag, 2. September – 19:30 bis 22:45 Uhr

Evangelische Kantorei Iserlohn
PopChor RiSE UP!
SolistInnen aus dem Jungen Chor 5nach5
Irina Shilina, Cymbal
Alexander Hochhalter, Akkordeon
Johanna Noetzel, Violine
Solveig Weigel, Orgel
Familie Trettin, Lichtregie
KMD Ute und Hanns-Peter Springer, Leitung und Orgel

Alles, was die Kirchenmusik ausmacht!