Kantorei-Passionskonzert

Die Kantorei besticht mit einem beeindruckenden Motetten-Programm

Sie ist im Bewusstsein der meisten Menschen kaum noch vorhanden – die Passions-und Fastenzeit in den Wochen vor Ostern – und nirgendwo wurde dies so hautnah erlebbar wie im Umfeld der Obersten Stadtkirche. Während die Evangelische Kantorei zu einem ernst-besinnlichen Konzert zur Passion einlud, wurden nur wenige Meter entfernt bei herrlichem Frühlingswetter gigantische Eisportionen und Sahnetortenstücke verzehrt und in den Gärten ringsherum wurde sicherlich gleichzeitig so manche Grillwurst gewendet – und dies bei mindestens einem leckeren Bierchen.
Da mag es schon fast wie ein Anachronismus wirken, dass trotzdem die Kirche mehr als gut gefüllt war. Den zahlreichen Zuhörern wurde ein beeindruckendes Programm verschiedenster Kompositionen aus nahezu allen Epochen der Kirchenmusik geboten. Über 20 unterschiedliche Werke aus dem großen Schatz der Passionsmusik in einem fast zweistündigen Konzert verlangten den Zuhörern schon höchste Konzentration und auch Kondition ab. Es war Musik zum Innehalten, zum bewussten Zuhören, aber auch zur inneren Einkehr.

Hohe Klangkultur und stilistische Bandbreite

Hanns-Peter Springer, Leiter der Kantorei, gelang das Kunststück, die Vielzahl der Musikbeiträge in ein organisch Ganzes zusammenzuführen. Hierbei dominierte der größtenteils a capella vorgetragene Chorgesang, bei welchem die Kantorei einmal mehr ihre hohe Klangkultur und ihre stilistische Bandbreite unter Beweis stellte. Zentrales Werk war hierbei die Motette „Jesu meine Freude“ von Johann Sebastian Bach, die mit ihren enormen technischen Anforderungen nur noch von den allerwenigsten Laienchören realisierbar ist. Orgelwerke von Scheidemann, Johann Ludwig Krebs und eine interessante, eigenwillige Improvisation über „Verleih uns Frieden gnädiglich“ – souverän präsentiert von Kantorin Ute Springer – komplettierten das Programm ebenso wie die Flötistin Laura Bennek. Ihre Teilnahme erwies sich als besonderer Glücksgriff, entlockte sie ihrer Blockflöte doch völlig neue und ungewohnte Klangfarben, insbesondere in dem zeitgenössischen „Resarium“ von Nicola Termöhlen.

Intensiver Applaus am Ende war ein verdienter Lohn für ein sicherlich alles andere als leicht verdauliches Konzert. Gleichzeitig gebührt dem Publikum ein ebenso großes Kompliment für seine Bereitschaft, sich über einen solch langen Zeitraum auf so viel „ernste Musik“ einzulassen.

IKZ, Christian Otterstein
Foto: Wolfgang Meutsch