Chronik
50 Jahre Evangelische Kantorei Iserlohn 

Am 1. Oktober 1954 trat der erste A-Kirchenmusiker an der Obersten Stadtkirche, Herr Gerhard Emde, sein Amt an. Mit diesem Datum ist die offizielle Gründung der Evangelischen Kantorei Iserlohn verbunden. 

Zur Vorgeschichte

Nach unserem Kenntnisstand gab es Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts bereits einen Kirchenchor der Reformierten Gemeinde, der im November 1927 nach Beschluss des Presbyteriums als  „Reformierter Kirchenchor” einen offiziellen Status bekam. Ebenso wie beim „Evangelisch Lutherische Kirchenchor 1885“ (bis 1934 unter Julius Topp, dann unter verschiedenen LeiterInnen), war der Chorleiter ein Lehrer, nämlich Wilhelm Kreth, der sein Amt bis 1954 mit großem Engagement ausübte. 
Weitere und entscheidende Impulse zur Gründung der Kantorei kamen nach dem 2. Weltkrieg. Es war eine Zeit des Neuanfangs, in der in der Gemeinde, besonders unter den Jugendlichen, auch großes Interesse am Singen entstand. Zu Weihnachten fanden sich in den ersten Jahren nach dem Krieg an den Adventssonntagen an die 100 Personen zusammen und bildeten die „Kurende“, die Pfr. Linde ins Leben gerufen hatte und die frühmorgens in Gruppen zum Singen durch die Stadt zog. Ein Singkreis des CVJM entstand mit etwas 20 Personen, der schließlich einige Zeit unter der Leitung des bekannten, aus Iserlohn stammenden Flötisten Hans-Martin Linde sang. Als Gerhard Emde sein Amt antrat, ging er mit Adressen der SängerInnen von Haus zu Haus und lud zur ersten Probe Ende Oktober 1954 ein: die Evangelische Kantorei Iserlohn war gegründet. Es fanden so Sängerinnen und Sänger der verschiedenen vorher bestehenden Chöre eine neue Wirkungsstätte – eine neue musikalische und gottesdienstliche Ära begann. 

Die Geschichte der Kantorei seit 1954 

Die Kantorei sang in dieser Zeit unter den Kantoren 
Gerhard Emde (1954-59), 
Hans Krampen (1959-71), 
Gotthard Gerber (1971-2001) 
und seit 2001 Ute und Hanns-Peter Springer. 

Unter dem ersten Kantor, Gerhard Emde, musste zunächst erhebliche Aufbauarbeit geleistet werden, doch schon in seine Zeit fiel die Aufführung der Matthäus-Passion von H.Schütz sowie von A-cappella-Werken von Bach, Scheidt, Reger, u.a.. Der erste vierstimmige Satz, den die Kantorei sang, war „Die Sonn verbirget ihren Schein“ von M.Praetorius. Erste Fahrten gingen in die Partnerstadt Almelo. 
Hans Krampen, der Mitte 1959 die Kantorenstelle an der Obersten Stadtkirche übernahm, wagte sich gleich 1960 an mehrere Werke für Chor und Orchester: zunächst im März die Johannes-Passion, danach verschiedene Kantaten von J.S.Bach, die musikalischen Exequien von H. Schütz und schließlich das Weihnachtsoratorium.

Unter dem temperamentvollen Kantor Krampen erweiterte sich in den 12 Jahren seines Wirkens in Iserlohn das Repertoire und die Konzerttätigkeit der Kantorei um ein Vielfaches, und sie führte bereits eine Vielzahl großer Werke auf, einige davon auch im Parktheater. 1966 nahm die Kantorei ihre erste Schallplatte auf. In die Zeit von Krampen fielen auch die ersten größeren In- und Auslandsreisen. Der Chor hatte inzwischen etwa 60 Mitglieder. 

Unter Gotthard Gerber sang die Kantorei 1971-2001, also genau 30 Jahre. In dieser Zeit erweiterte sie ihr Repertoire erheblich. Zu den gängigen Werken der Chormusik kamen viele zeitgenössische Werke und sogar einige Uraufführungen unter Beteiligung des Komponisten, Wolfgang Stockmeier.

Zu nennen sind insbesondere die Uraufführungen des „Christus“ (1980) und des „Jesus“ (1991) von Stockmeier, erwähnenswert jedoch auch die Aufführungen des „Dresdner Requiems“ von Rudolph Mauersberger u.a. in den Jahren 1989 (mit WDR-Mitschnitt) und 1995. Im Dezember 2000 bildete das Bachsche Weihnachtsoratorium, Teil I-VI den konzertanten Schlusspunkt des Wirkens von KMD G.Gerber.

Die Kantorei hat bis in die 90er Jahre hinein an jedem Sonntag den Gottesdienst mitgestaltet, eine nicht zu schätzende Zahl an musikalisch interessierten Menschen geprägt und auch einige renommierte Musiker hervorgebracht, zu denen z.B. der international bekannte Gitarrist Thomas Kirchhoff und die Komponisten Martin Herchenröder und Enno Poppe gehören. 

Einen besonderen Schwerpunkt bei den vielen Konzertreisen bildete der Kontakt Richtung Osten. So gab es zwei Reisen nach Polen und eine rege Reisetätigkeit, auch schon vor der Wende, nach Ostdeutschland. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang insbesondere auch die Aufführung des „Paulus“ mit dem Arnstädter Chor 1990 hüben wie drüben. 

Ute und Hanns-Peter Springer teilen sich seit November 2001 die A-Kirchenmusikstelle an der Obersten Stadtkirche und haben auch für die Kirchenmusik in der Region einen Auftrag. Hanns-Peter Springer ist zudem seit 2003 Kreiskantor. 

In ihrer kirchenmusikalischen Arbeit setzen Ute und Hanns-Peter Springer ganz neue Akzente und bieten eine große Vielfalt an ansprechenden musikalischen Veranstaltungen für alle Altersgruppen an. 

Ute Springer hat die Kinder- und Jugendkantorei wieder ins Leben gerufen, die in vier nach Alter gestaffelten Gruppen probt. Die Kinder- und Jugendkantorei hat schon zahlreiche Musicals aufgeführt, gestaltet Gottesdienste und Konzerte mit und steigert sich stetig in beeindruckender Weise. 

Im Juni 2002 führte die Kantorei der Erwachsenen unter der neuen Leitung von Hanns-Peter Springer eine Mozartmesse auf, bereits zu Weihnachten u.a. das anspruchsvolle „Magnificat“ von J.Rutter. Im November 2003 musizierte die Kantorei „Psalm 42: Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“ von Mendelssohn und das Brahms-Requiem. 

Im Laufe ihres Bestehens hat die Kantorei alle wichtigen großen Werke aus Barock, Romantik bis zur Moderne aufgeführt, als da sind die oratorischen Werke von Schütz, Bach, Händel, Haydn, Mozart, Mendelssohn, Brahms bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen. 

Die menschlichen Bindungen, die im Laufe von z.T. Jahrzehnten gemeinsamen Musizierens in der Kantorei gewachsen sind, sind von nicht zu unterschätzender Bedeutung, und das Miteinander wird auch außerhalb der Probenzeiten rege gepflegt! Gemütliches Beisammensein nach den Proben, Neujahrsempfang, Sommerfest, Angebote in den Sommerferien (die sog. „Ferienkantorei, u.a. mit einer Fahrradtour) und weitere private Treffen fördern das gemeinsame Musizieren und erwachsen daraus. 

Seit Beginn der Amtszeit Springer hat die Kantorei einen Chorbeirat. Er besteht neben dem Kantor/der Kantorin aus 6 Personen, die alle zwei Jahre von den Chormitgliedern gewählt werden. Der Chorbeirat unterstützt den Kantor/die Kantorin bei den nicht primär künstlerischen Aufgaben und fördert die sozialen Belange und die Außenwirkung.
 
Rückblick 2004 - Jubiläumsjahr

Das Jubiläumsjahr lässt sich im Rückblick als ein Meilenstein in der Geschichte der Kantorei betrachten. Ein gelungener Empfang im Februar im Anschluss an einen feierlichen Kantatengottesdienst in der Obersten Stadtkirche war Auftakt für ein prall gefülltes Jahr mit den unterschiedlichsten musikalischen Angeboten. Die Kantorei erschien zu rund 100 Proben- und Aufführungsterminen, darunter waren eine große Zahl an A-capella-Auftritten in Gottesdiensten, eigenen Konzerten und beim Kreiskirchentag. Die Konzertreise mit drei Auftritten ging im Mai an die Ostsee. Ein konzertantes Großereignis war die „Nacht der Chöre“ im Juni in der Obersten Stadtkirche. Die Kantorei fungierte als Gastgeber für etliche Chöre aus dem Kirchenkreis – und es wurde nicht nur gesungen, sondern bei einem üppigen, von Sängerinnen und Sängern zubereiteten Buffet gefeiert. Zum großen Sommerfest kamen viele Ehemalige, darunter zur Freude aller auch Kantor Krampen. Eine 80seitige Festschrift mit dem Motto des Jahres entstand:
Singen ist besser!

Der unvergessliche Höhepunkt des Jubliäumsjahres war die bewegende Aufführung der H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach am 7. November in der vollbesetzten Obersten Stadtkirche. 

2005

Das Jahr 2005 begann mit einer weiteren Chorgründung: nach einem gelungenen Workshop im Vorjahr formierte sich ein Gospelchor, der inzwischen den Namen „Gospel Train Iserlohn“ trägt. Er wirkt in Gottesdiensten mit, bestreitet eigene Konzerte und singt in Gemeinden der Region.

Die Konzertreise der Kantorei ging im Mai in die Mark Brandenburg. Herausragend war die Aufführung des „Elias“ von Mendelssohn am 5. September in einer voll besetzten Obersten Stadtkirche. Das 2004 angeschaffte Podest musste dafür noch einmal erweitert werden und ermöglicht in Zukunft auch Aufführungen, die ein großes Orchester erforderlich machen.

Die Kinderkantorei nahm zahlenmäßig weiter zu. Die St.Marienkäfer, die jüngste Gruppe der Kinderkantorei, führte beim Gemeindefest im Sommer ihr erstes eigenes Singspiel auf. Im Sommer und zu Weihnachten präsentierte die Kinderkantorei zwei Musicals. Ein besonderes Bonbon war die „English Christmas“ am 2. Weihnachtsfeiertag mit dem Jungen Chor 5nach5 – das kleine Ensemble bestach mit einem zauberhaften Klang. 
Ende 2005 wurde vom Beirat eine verbindliche Chorordnung verabschiedet.
Acht Gruppen, darunter auch der GTI und der Posaunenchor der Versöhnungs-Kirchengemeinde, wirkten bei der Einspielung der ersten CD „Weihnachtliche Musik in der Obersten Stadtkirche zu Iserlohn“ mit, die inzwischen über tausendfach verkauft worden ist. Sie präsentiert ein fröhliches, lebendiges Hörerlebnis der umfangreichen kirchenmusikalischen Arbeit an der Obersten Stadtkirche. 

2006

Im Jahr 2006 wuchs die Kantorei zahlenmäßig auf etwa 70 Mitglieder. Unvergesslich das in wenigen Tagen initiierte hochkarätige Konzert zugunsten der Opfer der Tsunami-Katastrophe gleich Anfang Januar, an dem neben der Kantorei diverse musikalische Größen Iserlohns teilnahmen, u.a. das Amadeus-Guitar-Duo und Kantor Gotthard Gerber. 

Weitere Eckpunkte des Wirkens war die Gestaltung eines Karfreitagsgottesdienstes in der Reformierten Kirche, eine Konzertreise ins Elsaß und die Teilnahme an einem kirchenmusikalisch innovativen Großereignis, nämlich dem ersten Kreiskirchenmusiktag, der in Altena stattfand. Beim Weihnachtsoratorium am 10. Dezember lud die Kantorei zwischen den Teilen I-III und IV-VI zu einem Imbiss ins Lutherhaus und machte die Aufführung des Oratoriums – in fast ausverkauftem Hause - damit zugleich zu einem Ort herzlicher Begegnung für die begeisterte Konzertgemeinde.

Der Gospel Train Iserlohn gab zusammen mit dem Jungen Chor 5nach5 sein erstes großes Konzert „A Festival of Gospel“. Auch er gestaltete eine der vier Mittagsmusiken jeweils samstags in der Zeit der Fußballweltmeisterschaft.

Die Kinderkantorei wuchs auf über 80 Kinder an, wobei die St. Marienkäfer die stärkste Gruppe darstellt. Die MAXIs und 5nach5er machten ihre erste erfolgreiche Konzertreise nach Rheinhessen, der früheren Wirkungsstätte des Ehepaares Springer. Eindrücklich war die Aufführung des Musicals „Josef“ durch die MINIs im Rahmen eines Gottesdienstes im Juni.
Etliche sehr unterschiedliche Gastkonzerte, Schülerkonzerte, das Gitarrensymposion, Orgelkonzerte des Kantorenehepaars und auswärtiger Musiker und die Gestaltung zahlreicher Gottesdienste komplettierten das facettenreiche musikalische Jahr.

2007

Im Rahmen des Neujahrsempfangs 2007 gab die Kantorei ein erstes Konzert, das zugleich als ein Dank an die Mitglieder des Fördervereins gedacht war, die erstmals eingeladen worden waren. Im März lud die Kantorei zum Fest für Paul-Gerhardt ein, dessen 400. Geburtstag sich jährte. Mit Vortrag, Spielszenen und zahlreichen Paul-Gerhardt-Liedern begeisterte sie die sehr sangesfreudige Gemeinde in der rappelvollen Reformierten Kirche.

Eine einwöchige Konzertreise nach Italien über Ostern mit Auftritten in Menaggio, Como, Montevecchia und im Mailänder Dom war musikalisch und menschlich eine große Bereicherung, vor allem durch die überwältigende ökumenische Gastfreundschaft.

Zu Pfingsten kam die Kinder- und Jugendkantorei aus Alzey zu einem Gegenbesuch nach Iserlohn, sang gemeinsam mit den hiesigen Kindern und Jugendlichen im Sonntagsgottesdienst und gab in der Reformierten Kirche ein schwungvolles Konzert. Die St. Marienkäfer und die MAXIs führten souverän das Musical „Blieam und seine gottesfürchtige Eselin“ auf.

Anfang September setzte der Gospel Train Iserlohn seinen ersten Meilenstein, als er mit MAXIs und 5nach5ern das Pop-Oratorium „Israel Schalom“ von Klaus Heizmann präsentierte. 

Rahel Schöttler, Stand: September 2007

2009:

55 Jahre Evangelische Kantorei Iserlohn
30 Jahre Tzschöckel-Orgelpositiv

55 Jahre – kein runder Geburtstag, vielleicht nicht einmal ein übermäßiges Alter für einen Traditionschor und dennoch ist die Zahl 55 zunächst eine schöne „Schnapszahl“. 
Darüber hinaus kann die Kantorei Iserlohn auf fünfeinhalb Jahrzehnte kontinuierliche und erfolgreiche Arbeit im Dienste der geistlichen Musik zurückblicken. Die Kantoreiarbeit verfügt somit über eine echte Tradition und wurde doch im Laufe ihres Bestehens von 4 unterschiedlich ausgerichteten Kantoren und einer Kantorin vielfältig geprägt.
Die Kantorei feierte das kleine Jubiläum im Rahmen eines Gottesdienstes am Sonntag, 29. November 2009, dem 1. Advent, um 10.00 Uhr in der Obersten Stadtkirche. Die Predigt hielt Pfarrer Andres M. Kuhn, die Liturgie verantwortet Pfarrer Udo Schulte. 
Neben der Kantorei feiert das Tzschöckel-Orgelpositiv seinen 30. Geburtstag. In vielen Gottesdiensten und Konzerten hat das kleine, wertvolle Instrument seine klangliche Vielfalt demonstriert.
So wurde im Adventsgottesdienst das neue Kirchenjahr mit viel Musik willkommen geheißen. Die Kantorei wurde unterstützt von Dr. Hans H. Stricker, Flöte, Ruben Schöttler, Violine und Christoph Ramb, Orgel. Neben Motetten von Lützel und Bach, Choralsätzen, die gemeinsam mit der Gemeinde gesungen wurden, erklang Instrumentalmusik von Georg Friedrich Händel.
Im Anschluss an den Gottesdienst wurde im Kirchkaffee auf die 55 Jahre angestoßen und die druckfrische, neue Kantoreizeitung präsentiert, die die rasante Entwicklung der vergangenen 5 Jahre dokumentiert.